Kirche und Gesellschaft gestalten die Zeit von Ende November bis zum 24. Dezember auf ganz unterschiedliche Weise. Ich bin mir sicher, dass wir als Kirchenmusiker:innen uns dem nicht verschließen dürfen. Nur so können wir auch in Zukunft Menschen für unsere Angebote begeistern. Dafür müssen wir als Kirche nicht alles über Bord werfen, aber wir dürfen uns auch nicht im Elfenbeinturm einmauern.
Was darf im Advent musiziert werden?
Es ist die Woche vor dem ersten Advent und ich gehe durch die Hamburger Innenstadt. Vom gerade eröffneten Weihnachtsmarkt schallt es mir schon entgegen: O du fröhliche! In meinem Inneren fühle ich mich plötzlich nicht mehr fröhlich. Ich möchte höchstens fröhlich gegen das Gehörte rebellieren: Es ist noch nicht einmal Advent – geschweige denn Weihnachten!
Doch ein paar Tage später tönt es auch aus meinen Lautsprechern: Jauchzet, frohlocket! Die Klänge von Bachs Weihnachtsoratorium begleiten mich bei der Arbeit am Schreibtisch. Ich bin mir sicher, dass auch viele Kolleg:innen ihre Adventszeit mit dieser Ambivalenz verbringen.
Advent und Weihnachten – Fasten- und Festzeit
Advent ist die Zeit der freudigen Erwartung und des Wissens, dass Jesus Christus als Mensch geboren wird. Um dies an Weihnachten umso fröhlicher feiern zu können, wird die Zeit davor als Fastenzeit begangen. Dahinter steht der Gedanke, dass wir ein Fest umso mehr genießen können, wenn wir uns vorher eingeschränkt haben. In unseren Gottesdiensten herrscht eine andere Stimmung als an Weihnachten. Die Texte und Lieder sind hoffnungsvoll, aber nicht so fröhlich wie an Weihnachten. .
Advent heißt Warten – Gesellschaft wartet aber anders als Kirche
In den letzten Jahren kommt mir die Adventszeit immer mehr wie eine Zeit des Wartens vor. Spätestens am ersten Advent wird die Weihnachtsmusik eingeschaltet, die Weihnachtsmärkte öffnen ihre Pforten und Weihnachtssüßigkeiten gibt es schon seit Wochen zu kaufen. Die Gesellschaft, in der wir leben, hat sich von der kirchlichen Vorstellung entfernt. Auch im Gespräch mit anderen Menschen fällt es schwer, unser kirchliches Verständnis von Advent und Weihnachten zu erklären. Ich finde das schade, aber es wäre ein Kampf gegen Windmühlen, das ändern zu wollen.
Advent darf nicht nur kirchliche Fastenzeit sein
Wir müssen als Kirche den Spagat wagen zwischen kirchlicher Fastenzeit und gesellschaftlicher Vorfreude auf Weihnachten. Eine Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium – für viele in unserer Gesellschaft ein Pflichttermin – in der Adventszeit geht an der liturgischen Wirklichkeit, die wir sonntags in unseren Gottesdiensten feiern, vorbei. So handhaben wir Kirchenmusiker:innen es mit unseren Chören schon seit Jahrzehnten. Aber nutzen wir diese etablierten Konzerte auch, um auf die andere, die ruhigere Seite der Adventszeit hinzuweisen. Mit gut besuchten Konzerten in der Adventszeit haben wir eine Kontaktfläche zu Menschen, die am Sonntagmorgen nicht in die Kirche gehen. Das heißt aber nicht, dass diese Menschen vier Wochen lang Weihnachten feiern wollen.
Als Kirche müssen wir auf die Gesellschaft zugehen
Als Kirche sind wir oft mit uns selbst beschäftigt. Unsere Diskussion über eine vorweihnachtliche Fastenzeit wird den wenigsten in der Gesellschaft etwas bedeuten. Aber wir geben dieser Zeit einen Sinn, indem wir Angebote machen, die von den Menschen gesucht werden. Der Trend zur Weihnachtszeit ab Anfang Dezember führt auch zu einer Überforderung. Die wenigsten werden und wollen vier Wochen lang Weihnachten feiern. Wir sollten als Kirche attraktive Angebote für eine Auszeit schaffen. Letztes Jahr habe ich ein Orgelkonzert “Zwischen Advent und Weihnachten” gespielt. Eine stimmungsvoll beleuchtete Kirche im Kerzenschein, Musik von ruhig bis festlich und natürlich auch Lieder zum Mitsingen. Ich war erstaunt über die positive Resonanz und auch darüber, dass sich niemand an der Mischung aus Advent und Weihnachten gestört hat.
Fazit: Nur mit Offenheit gehen wir in die Zukunft
Ich habe aus dieser Erfahrung gelernt, dass die Barriere vor allem in meinem Kopf saß. Noch vor wenigen Jahren hätte ich dieses Konzertformat mit seiner Mischung aus Advent und Weihnachten abgelehnt. Beides gehört untrennbar zusammen, aber bitte nicht in 40 Minuten. Ich bin mir sicher, wenn wir unsere eigenen Barrieren im Kopf öfter beiseite lassen, werden wir auch an anderen Stellen neue Wege finden. Leider sind die äußeren Umstände oft schon weiter als unsere inneren Widerstände. Wenn wir den Anschluss nicht verlieren wollen, müssen wir daran arbeiten.
