Wie viel Entscheidungskompetenz habe ich als Organist:in? Was kann eine Chorleitung alleine entscheiden? Wie viel darf die Kirchengemeinde vorgeben? Diese Fragen führen in Kirchengemeinden oft zu heftigen Diskussionen. Dabei könnten viele Konflikte vermieden werden, wenn beide Seiten auf Augenhöhe miteinander reden würden. Ein Impuls für mehr Miteinander in der Gottesdienstgestaltung.
Ich bin doch keine Jukebox!
Kürzlich hatten wir die Jahreskonferenz mit allen, die in meinem Kirchenkreis kirchenmusikalisch aktiv sind. Das ist immer eine schöne Runde mit kollegialem Austausch. In diesem Jahr musste eine Kollegin leider etwas Dampf ablassen. Das gipfelte darin, dass sie sagte: „Ich bin keine Jukebox!“. Was war passiert? Die Absprachen mit dem Pfarramt laufen in ihrer Gemeinde eher schlecht. Oft werde viel zu spät kommuniziert und ein Mitspracherecht gebe es auch nicht regelmäßig. Ähnliches wussten auch weitere Kolleg:innen zu berichten, egal ob mit einer Pfarrperson oder einer ehrenamtlichen Gottesdienstleitung. Viel zu oft werden wir weder in die Planung einbezogen, noch wird unsere musikalische Kompetenz genutzt. Im Gegenteil: Viele Kirchenmusiker:innen fühlen sich oft als Jukebox gesehen, die auf Knopfdruck die gewünschte Musik liefert – aber sonst im Hintergrund bleibt.
Gottesdienst ist Teamarbeit
Damit ein Gottesdienst funktioniert, müssen viele Räder ineinander greifen. Musik und Theologie sind dabei zwei besonders wichtige Räder. In unseren Kirchen ist es die Regel, dass Menschen in ihrer Freizeit mit viel Engagement die Gottesdienste musikalisch gestalten. Dies dann oft auch mit einem entsprechenden Abschluss. Bei der Vorbereitung eines Gottesdienstes darf kein Rädchen fehlen, sonst läuft die Maschine nicht. Diese Teamarbeit kommt heute oft zu kurz.
Gute Musik braucht Zeit
Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Vorbereitungszeit. Ein:e Kirchenmusiker:in im Hauptberuf ist eher die Ausnahme. Insbesondere ehren- und nebenamtliche Musiker:innen können Musik meist nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln. Sie müssen üben. Aber auch wir Hauptamtlichen können nicht immer auf Knopfdruck spielen. Wer an der Orgel gut spielen will, braucht Zeit zur Vorbereitung. Es reicht nicht, kurzfristig zu erfahren, wie der Gottesdienst aufgebaut ist. Pastor:innen (denn diese sind es zumeist) sollten daher bei der eigenen Zeiteinteilung auf die KIrchenmusiker:innen Rücksicht nehmen. Das ist auch ein Zeichen gegenseitiger Wertschätzung.
Wir sind Expert:innen auf unserem Gebiet
Unabhängig davon, mit welchem Abschluss wir Kirchenmusik machen, haben wir in unserer Ausbildung Grundkenntnisse in Theologie und anderen kirchlichen Fächern erworben. In manchen Bereichen geht das Kirchenmusikstudium sogar mehr in die Tiefe als das Theologiestudium. Deshalb ist Kirchenmusik, egal mit welchem Abschluss, Teil des Verkündigungsdienstes. Wir Kirchenmusiker:innen sind liturgisch Handelnde und haben eine Expertise. Zum Beispiel wird in der C-Ausbildung Wert darauf gelegt, selbstständig Lieder für kirchliche Anlässe auszuwählen. Als Chorleiter:in muss ich ein Gespür dafür haben, was an einem bestimmten Sonntag passt. Ebenso als Organist:in, wenn ich die Musik zum Anfang und Ende eines Gottesdienstes festlege. Das muss vom theologischen Gegenüber erkannt werden. Wir sind also Expert:innen für Musik im Gottesdienst und möchten als solche auch eingebunden werden.
Lasst uns gemeinsam Gottesdienste gestalten!
Mein Wunsch an die Pastor:innen ist deshalb klar: Kommt auf uns Kirchenmusiker:innen zu, bindet uns ein und lasst uns den musikalischen Teil des Gottesdienstes frühzeitig gemeinsam besprechen und gestalten. Alle Seiten – Pfarramt, Kirchenmusiker:innen und Gemeinde – haben davon einen Mehrwert. Die Gottesdienste werden noch schöner und passender. Fragt eure Kirchenmusiker:innen nach Ideen und nehmt euch eine Woche im Vorfeld die Zeit.
Fazit: Nur gemeinsam können wir das Evangelium verkündigen
Wenn wir in Zukunft gemeinsam das Evangelium gut verkündigen wollen, dann können wir das nur gemeinsam. Der Gottesdienst ist keine Soloveranstaltung und darf es auch nie werden. Damit dies nicht geschieht, müssen wir uns unserer eigenen Fähigkeiten bewusst sein und diese auch zur Geltung kommen lassen. Deshalb sollte die Kirchenmusik stärker in die Gestaltung des Gottesdienstes einbezogen werden.
