Doppelchörigkeit – zwei Musikgruppen musizieren gemeinsam. Ein großartiges Format mit vielen musikalischen Gestaltungsmöglichkeiten. In der kirchenmusikalischen Praxis wird es heute oft noch zu wenig genutzt. Ich möchte deshalb einige Anregungen geben und Lust auf doppelchöriges Musizieren machen.
Doppelchörigkeit findet sich in fast allen musikalischen Epochen seit der Renaissance. Im Barock gibt es unzählige Stücke, die mit diesem Prinzip arbeiten und in der Romantik wird diese musikalische Klangpracht wieder aufgegriffen. Ebenso kann man die musikalischen Formprinzipien auch auf Lieder aus dem Gesangbuch übertragen und so altbekannte Lieder neu erklingen lassen.
Vor wenigen Wochen war ich auf dem Niedersächsischen Kirchenmusikkongress mit dem schönen Titel “Chor hoch zwei – doppelt hallt besser”. Neben drei schönen Tagen im Blockhaus Ahlhorn mit schöner Musik und kollegialem Austausch in herrlicher Natur ging es vor allem um das Musizieren von doppelchörigen Werken. Ich habe viele Anregungen für die Praxis bekommen und möchte hier etwas davon weitergeben.
Definition: Das bedeutet Doppelchörigkeit
Unter Doppelchörigkeit versteht man in der Musik das gemeinsame Musizieren von zwei Musikgruppen (Chören). Sind es drei oder mehr Gruppen, spricht man von Mehrchörigkeit. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Gruppen rein vokal, rein instrumental oder gemischt besetzt sind.
Gerne werden die verschiedenen Chöre auch unterschiedlich platziert, so dass ein räumlicher Klangeffekt entsteht. Das Besondere an dieser Musik ist, dass die Gruppen manchmal nacheinander und manchmal gleichzeitig musizieren. Dies und die räumliche Trennung machen den besonderen Reiz der doppelchörigen Musik aus.
Geschichte: Von Venedig in die ganze Welt
Ich habe die Mehrchörigkeit immer mit Venedig in Verbindung gebracht. Der wunderbare Dom von San Marco ist mit der Mehrchörigkeit verbunden. Dort wurde an verschiedenen Stellen im Raum gemeinsam musiziert. Die Werke von Giovanni und Andrea Gabrieli sind der erste große Höhepunkt der Mehrchörigkeit und ganz grandiose, prachtvolle Klänge.
Natürlich war mir klar, dass diese Musik nicht vom Himmel gefallen war und irgendwo musikalische Vorbilder hatte. Aber ich kannte diese Vorbilder nicht. Einer dieser Vorbilder war Ruffino d’Assisi. Er wirkte in Padua und veröffentlichte in seinem Werk “Coro spezzato” Motetten für zwei Chöre. Dabei werden die Textteile im Block von zwei verschiedenen Gruppen abwechselnd gesungen. Der Wechsel erfolgt nicht nach einem festen Schema: Mal werden einzelne Worte vom zweiten Chor wiederholt, mal wird auch ein längerer Text gesungen und der andere Chor macht mit einem neuen Textteil weiter.
Ein zweiter Name, den ich noch nicht kannte, war Dominique Phinot. Er war Franzose und hat in Italien die Musik seiner Zeit studiert. Danach kehrte er zurück und komponierte diesseits der Alpen. Seine Motette “O sacrum convivium” ist ein klangschönes Beispiel für Mehrchörigkeit.
- Wer noch etwas mehr über die Mehrchörigkeit lesen will, findet im Wikipediaartikel weitere Informationen: Zu Wikipedia
- Die Noten zur Motette von Dominique Phinot findet ihr hier: https://www.cpdl.org/wiki/index.php/O_sacrum_convivium_(Dominique_Phinot)
- Eine Aufnahme dazu gibt es u.a. bei YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=junMddLolhs
Wo Ihr doppelchörige Literatur findet
Seit der Renaissance wird das Prinzip der Doppelchörigkeit in der Musik immer wieder verwendet. Hier ein kleiner Überblick über die musikalischen Schätze.
Barockmusik
In der Barockzeit gibt es neben den bekannten Stücken von J.S. Bach oder Heinrich Schütz noch viel mehr zu musizieren: Zum Beispiel Werke von Samuel Scheidt oder Michael Praetorius. Auf den einschlägigen Musikportalen für gemeinfreie Noten www.imslp.org und www.cpdl.org wird man fündig. Aber auch die großen, bekannten Verlage haben viele Ausgaben im Programm.
Bei der Aufführung seid Ihr sehr frei. Ihr könnt singen oder mit Instrumenten spielen. Oder Ihr kombiniert beides. Passt die Musik euren Möglichkeiten zu Hause an. Das haben die Musiker damals auch gemacht. Die einfachste Version wird immer funktionieren: Eine Stimme pro Chor singt und ein Tasteninstrument spielt den ganzen Satz.
Romantik
In der Romantik gibt es neben den bekannten Motetten von Felix Mendelssohn Bartholdy noch viele andere schöne Werke zu entdecken. Im sonat-Verlag (https://www.sonat-verlag.de/) gibt es viele Veröffentlichungen für vokalen Doppelchor. Allerdings ist man hier in der Aufführung etwas eingeschränkter: In der Regel gehen die Komponisten von zwei gleichberechtigten Vokalchören aus. Es gibt auch Werke, die mit weniger Stimmen und harmonischer Ergänzung z.B. durch die Orgel funktionieren, aber der Klang ist ein ganz anderer.
20. und 21. Jahrhundert
Auch im 20. Jahrhundert wurde die Doppelchörigkeit wieder aufgegriffen. Häufig in der Posaunenchorliteratur, aber auch Komponisten, die sich an historischen Vorbildern orientierten, wie Hugo Distler oder Ernst Pepping, schrieben anspruchsvolle Musik für zwei Chöre.
Für die ganz einfache Doppelchörigkeit – also zwei gleichberechtigte Singstimmen und eine harmonische Unterstützung z.B. durch die Orgel – habe ich noch zwei Notentipps:
- Im Butz-Verlag ist die Kleine deutsche Messe von Thomas Nüdling erschienen (https://butz-verlag.de/notenbeispiel/3084.pdf). Zwei Chorstimmen (Solo oder Gruppe) musizieren zusammen. Theoretisch kann bei einer Stimme auch die Gemeinde mitsingen. Ein Werk, das sich zu entdecken lohnt, denn es ist klangschön und mit wenig Aufwand zu realisieren.
- Im Carus-Verlag gibt es das Kinderchorbuch “Himmelstöne – Erdenklänge” (https://www.carus-verlag.com/musiknoten-und-aufnahmen/himmelstoene-erdenklaenge-1226300.html). Es entstand 2023 für ein Kinderchortreffen in Chemnitz.
Es enthält liturgische Gesänge für den Gottesdienst in ansprechender, neuer Form. Für zwei Kinderchorgruppen komponiert, aber auch in jeder anderen Besetzung möglich. Und auch für die Kinderchorarbeit gibt es schöne neue Werke zu entdecken.
So musizierst Du Lieder aus dem Gesangbuch doppelchörig
Beim Kirchenmusikkongress habe ich an einem Workshop mit Landesposaunenwart Rüdiger Hille aus Bremen teilgenommen. Er hat mir noch einmal vor Augen geführt, dass man auch mit den Liedern unseres Gesangbuches freier umgehen und die Prinzipien der Mehrchörigkeit auch auf sie anwenden kann. Er ging bei seinen Überlegungen immer von einem Posaunenchor aus, aber alle Ideen lassen sich auch in anderen Konstellationen aufführen. Ich möchte drei Ideen von ihm weitergeben, die sich auf drei liturgische Stücke im Gottesdienst beziehen.
Theoretisch wusste ich vieles davon schon vorher, aber manchmal muss man gute Dinge mehrmals gesagt bekommen, bevor man sie selbst ausprobiert.
EG 262 – Sonne der Gerechtigkeit – Kyrie-Lied
Dieses Lied mit seinem Mini-Refrain “Erbarme dich, Herr” am Ende jeder Strophe, kann man auch im Rahmen der klassischen gottesdienstlichen Liturgie verwenden. Neben dem normalen Singen der einzelnen Strophen kann dieser Mini-Refrain auch als Ostinato, d.h. als sich ständig wiederholender Melodieteil, zur Strophe gesungen werden. Zum Beispiel könnten die Männerstimmen der Gemeinde dieses Ostinato zusammen mit den Posaunen des Chores singen. Die Frauenstimmen singen dann eine Strophe dazu, begleitet von den Trompeten. Am Ende singen und spielen alle zusammen “Erbarm dich, Herr”.
EG 179 – Allein Gott in der Höh – Gloria-Lied
Dieses Lied ist sicher allen, die regelmäßig im kirchlichen Kontext unterwegs sind, mehr als bekannt. Deshalb kann man gerade bei einem solchen “Hit” etwas Abwechslung reinbringen, damit keine Eintönigkeit aufkommt. Wir haben das Lied im Wechselgesang gespielt, d.h. zwei Gruppen haben sich abgewechselt.
Die eine Gruppe bestand aus den Frauenstimmen und den Trompeten, die andere Gruppe aus den Männerstimmen und den Posaunen. Beide Gruppen sangen sich die Choralzeilen im Wechsel einstimmig zu. Bei der siebten Choralzeile haben dann beide Gruppen zusammen gesungen, das hat den Klang noch einmal gesteigert. Wenn man am Ende noch mehr Klang haben möchte, dann kann der Posaunenchor am Schluss nicht einstimmig, sondern vierstimmig im Satz spielen.
Diese Art des Singens lässt sich natürlich auf fast alle Lieder anwenden. Besonders geeignet sind Lieder, die etwas länger sind und einen gleichmäßigen Rhythmus haben, z.B. der Adventsklassiker “Macht hoch die Tür, die Tor macht weit”.
EG 184 – Wir glauben Gott im höchsten Thron – Credo-Lied
Dieses Lied hat ein Reimschema, das auch andere Lieder in unserem Gesangbuch verwenden. Es kann als Grundlage für ein abwechslungsreiches Singen dienen. Die einzelnen Strophen werden auf unterschiedliche Melodien gesungen. Zwischen den Strophen gibt es jeweils eine kurze Intonation zur neuen Melodie. Wenn man will, kann man hier auch eine einfache Doppelchörigkeit durch zwei musikalische Klänge einbauen, z.B. den Posaunenchor für die Liedbegleitung und die Orgel für die Intonation der neuen Melodie.
Eine Aufteilung der Strophen könnte z. B. so aussehen:
- Strophe 1 – klassische Melodie wie im Gesangbuch
- Strophe 2 – nach der Melodie “O Heiland, reiß die Himmel auf”
- Strophe 3 – nach der Melodie “Vom Himmel hoch, da komm ich her”
- Strophe 4 – nach der Melodie “Erschienen ist der herrlich Tag” (das vertonte Halleluja am Ende würde ich mitsingen lassen da es den Sinn der vierten Strophe gut ergänzt)
- Strophe 5 – klassische Melodie wie im Gesangbuch
Es lohnt sich Doppelchörigkeit zu entdecken!
Lust etwas auszuprobieren? Ich würde mich sehr freuen. Und dann geht es euch so wie mir nach dem Besuch des Kirchenmusikkongresses. Wir haben mit den alten mehrchörigen Werken tolle Musik, die sich für die Praxis sehr gut eignet. Wir müssen sie nur nutzen. Oder wir nutzen die Ideen, die in dieser Musik stecken und übertragen sie zum Beispiel auf unsere heutigen Lieder.
