Ich saß am Flügel für den Soundcheck und habe den Refrain des Liedes „Von guten Mächten“ kurz angespielt. Sofort fingen Menschen in der Kirche an zu singen. Da war eine Verbindung zwischen uns – alle hatten Lust zu singen.
Ich war gerade auf dem Kirchentag in Hannover. Dort gab es das großartige Projekt „Rund um die Uhr: SINGEN!“ in der Mitsingkirche. Ganze 72 Stunden am Stück wurde dort gesungen. Ich hatte die große Freude, einen Singslot zu gestalten – mein absolutes Highlight des Kirchentags.
Nach meinen Erfahrungen dort bin ich mir sicher: Wir müssen in unseren Gemeinden wieder viel mehr singen!
Singen muss wieder normal werden
Gefühlt liegen die Corona-Lockdowns schon lange hinter uns – und doch sind ihre Auswirkungen noch spürbar. Plötzlich war Singen gefährlich, ein Gesundheitsrisiko. Wer will schon seine Gesundheit aufs Spiel setzen?
Das hat dazu geführt, dass noch weniger Menschen laut und aus vollem Herzen gesungen haben. Diese Auswirkungen bekämpfen wir Kirchenmusiker:innen und Chorleitende bis heute.
Die Vorteile des Singens sind wissenschaftlich belegt – psychisch, sozial und sogar körperlich. Und was Studien zeigen, habe ich in der Mitsingkirche hautnah erlebt.
Singen tut gut
Vor mir saßen über hundert Menschen, die 45 Minuten lang mit mir gemeinsam bekannte Lieder gesungen haben.
Ohne große Moderation, ohne viele Anekdoten folgte ein Lied auf das nächste. Dabei habe ich versucht, einen Spannungsbogen zu gestalten: von ruhigen, nachdenklichen Liedern hin zu fröhlichen, aufbruchsvollen Stücken.
Das Konzept ist aufgegangen. Am Ende hatte ich berührende Gespräche mit Teilnehmenden, die einfach nur glücklich waren und sich bedankt haben.
Sogar am Abend, lange nach meinem Slot und an einem ganz anderen Ort, wurde ich in der U-Bahn von einer Teilnehmerin angesprochen, die sich herzlich bedankte.
Das Konzept war ganz einfach: Singen, was man kennt.
Und manchmal sind es gerade die kleinen, einfachen Dinge, die Menschen glücklich machen.
Singen ist eine einfache Form der Beteiligung
Singen ist die unkomplizierteste Art, sich zu beteiligen. Wenn wir singen, fühlen wir uns verbunden – mit der Musik, mit den Menschen um uns herum. Dieses Gefühl wird noch intensiver, wenn man mit völlig unbekannten Menschen dieselben Lieder singt, die alle kennen und lieben.
Diese einfache Form der Beteiligung nutzen wir noch viel zu selten. Oft bemühen wir uns darum, etwas Neues und Besonderes zu schaffen – und das hat zweifellos seinen Wert.
Aber wir dürfen nicht vergessen: Auch im Einfachen liegt eine große Kraft und Freude
Wir sollten mehr singen
Für die Zukunft brauchen wir Formate, die Menschen zum Singen einladen – offen, ermutigend und gemeinschaftsstiftend. Dabei dürfen neue Lieder und vertrautes Repertoire gleichberechtigt nebeneinander stehen.
Vielleicht beginnt genau dort etwas Neues – mit einem einfachen Refrain, angespielt auf einem Flügel. Wenn Menschen spontan einstimmen, entsteht echte Gemeinschaft.
Lasst uns mehr solcher Momente möglich machen. Lasst uns wieder singen.
